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 ZMaulwurf mit Brille und Blindenbinde (Z's Info Logo)'s Infos Dieser Artikel ist in den Zeitschriften "die randschau" (Zeitschrift f. Behindertenpolitik), Heft 5/92; S. 25 - 28 und "Musikerziehung" Heft 5/94, S. 227 - 232 erschienen. Zuletzt aktualisiert 12/2001. Audiofiles können hier aus urheberechtl. Gründen nicht veröffentlicht werden.

Darstellung behinderter Menschen in Songs und Liedern

Ulrich Zeun, Dortmund

Musik und Lieder sind sicherlich einer der populärsten Unterhaltungsmedien. Dementsprechend wird Musik auch als Vermittler von Eindrücken und Einstellungen, nicht zuletzt in der Werbebranche ver wendet. Aufgrund des Gefallens an der Musik werden textliche Inhalte oft unbewußt (unreflektiert) auf- und übernommen. In Liedertexten spiegelt sich - wie bei anderen Medien - die gesellschaftliche Einstellung wieder.

Daß ich bezüglich der "Darstellung von Behinderten in der populären Musik" so gut wie gar keine Auseinandersetzungen finden konnte, hat mich schon etwas verwundert. Im Gegensatz dazu gibt es sehr viele Artikel und Bücher zur Darstellung behinderter Menschen in der Literatur oder Jugendbüchern.

Im folgenden versuche ich anhand der deutschen und englischen Liedertexte, die ich entdeckte (s. Liste; sicherlich gibt es noch einige mehr), aufzuzeigen, in wie weit Klischees den HörerInnen aufgetischt werden, welche Funktion die Erwähnung von Behinderung in Liedern hat und ob realistische Darstellungen zu finden sind.

Lieder / Songs zum Bereich "Behinderung, Behinderte"

Die Lieder stammen alle aus der zeitgenössischen Schlager- und Popmusik (ab 60er Jahre). Es ist anzunehmen, daß aus der Zeit vorher, aus dem späten Mittelalter, in "Rauf-, Sauf-, Bänkelliedern", Soldatenliedern oder Moritaten (Flugblattliedern), Texte mit Erwähnung von behinderten Menschen zu finden sind, wie dies auch in der Malerei vermehrt auftrat. Behinderte als Belustigung und zum Spott (z.B. auch in "Blue, Johnny Blue") oder im Krieg versehrte Soldaten (modernes Lied eines versehrten Vietnam-Soldaten "Johnny" von H. Wader). B. HARZ konnte aus früheren Jahrhunderten einige Lieder in Zusammenhang mit Erwähnung von Blinden/Blindheit auffinden (s. HARZ, S. 104 ff.).

Zeichnung der Blinde und der Lahme: Blinder mit Stock trägt Lahmen mit seinen Krücken in der HandDazu gehört auch das Lied der "Blinde und der Lahme" (Text aus dem 18. Jh.), aus deren Symbiose - der Lahme sieht, der Blinde trägt ihn - für den Texter etwas gemeinsam ("gesellig") Positives entspringt.
Du hast das nicht, was andere haben,/
und andern mangeln deine Gaben;/
aus dieser Unvollkommenheit,/
entspringt die Geselligkeit"
aus: LiederKorb - "Der Blinde und der Lahme"

Religiöse und Anstalts-Lieder

Aus früherer Zeit datiert z.B. der Text von der "Freifrau von Vischering" (interpretiert von Hannes Wa der). Hier wird nicht nur die Frömmigkeit auf die Schippe genommen, sondern auch der Glaube an Wunderheilung, wie er sich teilweise bis heute hält (vgl. Lourdes und andere Pilgerorte; s. Text).

"Freifrau von Droste-Vischering,/ zum Heiligen Rock nach Trier ging/ ... / sie wollte ohne Krücken / durch dieses Leben Rücken / .../// der fuhr ihr in die Glieder, / sie kriegt das Laufen wieder. / Getrost zog sie von hinnen,/ die Krücken ließ sie drinnen" - interpret. v. Hannes Wader

HARZ fand auf seiner Suche nach Liedern über Blindheit, vor allem Lieder aus dem letzten Jahrhundert aus der Liedersammlung von W. Klein, dem Gründer der Wiener Blindenanstalt. Deratige Anstalten für Taubstumme, Blinde u.a. waren damals christlich orientiert und sahen in der Hilfe ihre Christenpflicht. Die Lieder sind vermutlich größtenteils von ihm selbst geschrieben und belobigen in "großer Dankbar keit" die Hilfe und Förderung durch das Anstaltspersonal. Von kritischen Liedern ist noch nichts zu mer ken. Hingegen persifliert das Lied "Danke" auf der LP "Schlaf Krüppelchen, schlaf" (1981) gerade derar tige Anstalts-Dankbarkeits-Hymnen und religiös motivierte Aussonderungstendenzen (s. Text) (Danke ist im Original ein wahrscheinlich vielen bekanntes Danksagungslied an Gott).

"Danke für eure Sonderstätten / Danke für euer vieles Geld / danke, daß ihr uns gut versteckt / wie schön ist doch die Welt." - LP Schlaf, Krüppelchen, schlaf

Aussonderung durch Sondereinrichtungen/ Heimbetreuung

Gleich in mehreren modernen Songs wird die Heimverwahrung und der Umgang mit psychisch Kranken in entsprechenden Kliniken kritisiert (Lisa/BAP; Behindertenurteil/Lerryn; Ein normales Leben/ P. Gabriel). Die Stigmatisierung aufgrund Aussonderung in Heimen wird besonders von dem Kinderliedermacher Klaus W. Hoffmann in seinem Lied "Der Junge aus dem Heim" verdeutlicht.

"... da ist zuviel noch, das noch immer nicht verdaut/ Bilder [evtl. Krieg, d.Verf.], gegen die sie sich wehrt/ doch das wovor ihr am meisten graut/ ist die Logik, nach der sie hier erlöst wird./ ... hier in diesem Kuckucksnest-Verlies" aus: "Ahl Männer aalglatt" BAP, 1985
"Der Junge aus dem Heim, das ist der Jan / der wohnt bei Pflegeeltern nebenan / Hat einer sich 'ne Dummheit ausgedacht / wird Jan dafür verantwortlich gemacht / Dann hört man alle Leute lauthals schrein / Das kann doch nur der aus dem Heim gewesen sein" aus: Kl. W. Hoffmann "Spielmobil" 1980

Diskriminierung aufgrund von Anderssein

In dem authentischen Lerryn-Song zum Frankfurter Urteil "Behindertenurteil" wird ironisierendem Unterton dargestellt, mit welchen krassen Vorurteilen und Diskriminierungen behinderte Menschen zu rechnen haben (Strophen 1,3,4).

Str.1: "Ach es fängt schon am Morgen an / da hängt im Fahrstuhl an zwei Krücken ein Mann / seine Haut ist so fleckig / und er grüßt mich so eckig / .../ und ich merke ganz deutlich, wie er mein Mitleid genießt / wenn in mir alles erstirbt / er mir den Urlaub verdirbt / und bewußt mir den Tag mit seinem Anblick vermiest."
Str. 2: "Und dann am Strand / hängen sie halbnackt im Sand / da muß man die Verkrüppelungen sehn / man will heute alles integriern / doch nicht grad jetzt und nicht hier / ... / Ich hab gewiß kein Vorurteil / spende oft für Krüppel, weil / daß kann ja jedem paasiern / denn wir leben ja heute / man kann für so Leute / ganz eigne Hotels konstruiern. / ... eigene Strände / wie FKK mit Sichtblende drumrum /.

Mit gleicher Ironie hält Randy Newman in seinem ziemlich bekannten Lied "Short People" den Hörern einen Spiegel vor Augen (Ohren), wie abwegig und diskriminierend über Kleinwüchsige gedacht wird ("They got little hands, little eyes / They walk around, tellin' big, big lies"). Als Songwriter, bekannt für kritisch-ironische Texte zu gesellschaftlichen Begebenheiten läßt er aber klar durchblicken, was er davon denkt: "Short people are just the same as you and I". Bei einem weit gefaßten Begriff von Behinderung (Andersein) zählt auch das wohlbekannte Müller-Westernhagen Lied "Dicke" zu dieser Kategorie (ferner: "Kalle, Peter, Heiner, warum mag sie keiner ..."). Daß es so erfolgreich sein konnte und bei Auftritten gerne mitgesungen wird (s. Live-LP) zeigt hier besonders deutlich, wie unreflektiert oftmals Liedertexte von den Hörern aufgenommen werden, vor allem wenn die Musik stimmt bzw. gefällt und tanzbar ist.

Im Gegensatz zu Müller-Westernhagen kann man bei Lerryn und Newman sicher sein, daß sie für behinderte Menschen Partei ergreifen wollen.

Daß gesellschaftliche Klischees über "Behinderung", wie sie auch in der Sprache als Metaphern ständig benutzt werden ("blindlinks", "kopflos" etc), selbst von eher "linken, sozialkritischen" Interpreten wie John Lennon und der Gruppe "bots" angewandt werden, zeigt, daß diese prägnanten "Behinderungs-Bilder" auch oder gerade für Musiker den Zweck erfüllen, Botschaften möglichst komprimiert zu vermitteln. Die Lieder "Crippled Inside" (Lennon) bzw. "Krüppel" (bots) verwenden den Ausdruck "Krüppel" um etwas sehr Negatives bildlich zu untermauern (Lennon: ideologische Irrwege; bots: Abgeschobensein wie Behinderte). Damit diskriminieren sie aber behinderte Menschen. Vorurteile, daß geistig beeinträchtigte Menschen schlechte Menschen seien ("geistiger Krüppel") und "Krüppel" nicht leistungs/arbeitsfähig seien, werden hier mal wieder an ein breites Publikum weiterge geben.

"You can go to church and sing a hymn, you can judge me by the color of the skin, one thing you can't hide, is when you're crippled inside" (Lennon)
"Doch ich fühl ... mich wie 'n Krüppel, ich fühl mich kaputt, denn ich komme nicht mehr klar, ich hab es satt ... hin und herzurennen zwischen Sozial- und Arbeitsamt ..." bots auf LP "Aufstehn" 1980

Gerhard Schöne (Ex-DDR-Liedermacher) spricht in einer Strophe seines Liedes "Wellensittiche und Spatzen", das sich gegen die Diskriminierung Andersartiger wendet, auch jene gegenüber Behinderten an: Mutter und Kind werden auf einem Fest schräg angeguckt, weil es geistig-behindert ist.

"Im Lokal ist Kinderfasching, an der Tür gibt es Getuschel, eine Mutter bringt ihren Sternentalerkind, das ist geistig schwer behindert, kann nicht sprechen, nur so brummeln, doch es strahlt, weil hier so viele Kinder sind. / Und die Mutter setzt sich mit ihm, an die lange Kaffeetafel, ihr kliener Sternentaler klatscht zu der Musik, keiner schenkt ihnen Kakao ein, nie mand setzt sich in die Nähe, ab und zu nur trift sie ein verstohlener Blick. Als die Kinder tan zen schwingt sie auch ihr Kind herum im Kreise, manche tanzen weiter, andre bleiben stehen; jemand sagt: 'daß ist geschmacklos, man, wir sind doch keine Anstalt, unsre Kinder sollen so etwas nicht sehen. Als mein Wellensittich aus dem Fenster flog,/ hackte eine Schar von Spatzen auf ihn ein/ denn er sang wohl etwas anders und war nicht so grau wie sie/ und das paßt in Spatzenhirne nicht hinein." auf: G. Schöne "Menschenskind" 1985

Versuche, Behinderung als etwas Normales, Positives darzustellen

Ein anderer Ansatz der Texter ist, nicht die Diskriminierungen behinderter Menschen darzustellen, sondern versuchen möglichst neutral oder positiv diese zu beschreiben. Ich sage bewußt versuchen, weil meistens die eingefahrenen Sprachklischees oder landläufigen Denkmuster doch wieder auftreten.

In dem Grönemeyer Lied "Musik, nur wenn sie laut ist" wird relativ realistisch eine gehörlose Frau beschrieben: "Sie weiß nicht, daß der Schnee lautlos auf die Erde fällt"; dies muß ihr mitgeteilt werdem. Sie hat keinen Gesprächspartner, der sich in Gebärdenspache mit ihr unterhalten kann ("Ihre Hände wissen nicht, mit wem sie reden sollen, es ist keiner da, der mit ihr spricht"). Nur laute Musik kann sie über die Schwingungen im Boden und Luft spüren. Trotzdem kann u.U. wieder den Eindruck erlangen, ihre einzige Freude ist laute Musik zu hören - es wird jedenfalls nichts anderes "positives" erwähnt. Und die Äußerungen "sie ist beseelt" und "ihr Blick ist der Welt entrückt" schreiben ihr etwas Mystisches (Weltentrücktes) zu. (s.a.u.)
Dennoch sehe ich Grönemeyers Lied als relativ neutral an.

Meines Empfindens nach ein sehr gutes Lied ist "Depperts Kind" von Georg Danzer. Hierin versucht er die Gefühle eines Vaters eines mehrfachbehinderten Kindes zu fassen, und auch dessen Konfrontation mit der Meinung der außenstehenden Menschen zu verarbeiten. Nachdem in der ersten Strophe der für Außenstehende zu beobachtende Zustand beschrieben wird, haben die folgenden Zeilen aktuelle Relevanz, wenn man an Sterbehilfe- und Euthanasie-Diskussionen denkt:

"Die meisten sagen halt du bist blöd/ so einfach mache ich mir das net" und "Jetzt gibt's da Leut', die sagen, so oanem armen Kind, dem sollt man an Spritzen geben / doch alles was auf der Welt ist, hat einen Sinn, und deshalb auch ein Recht auf Leben." G. Danzer 1980

In "Blinde Katharina" von Klaus Hoffmann soll zwar ein positives und reales Image, oberflächlich ein positiver Gesamteindruck vermittelt werden ("Ihre Augen sind die Hände, sie erkennt dich durchs Ge hör"; "sie lehrt mich aus der Stille, wie man wartet, wie man schweigt ..."), doch eigentlich sieht auch er Blinde nicht als erwachsene Menschen an ("Blinde sind wie Kinder, deren Herzen man zerbricht"), nimmt sie also nicht für ganz voll, gleichwertig. Klischees, z.B. daß Blinde besonders gefühlsbetont sind und in Dunkelheit und Stille leben (schon in der Liedersammlung W. Kleins zu Haufe zu finden [s.o]) - ein trauriges Leben also!? - werden "platt" aufgetischt ("Wenn sie liebt, dann ist nur Liebe, wenn sie haßt, dann ist nur Haß...", "für sie ist immer nur Schweigen ...", "Sie wollen auch im Winter nur ans Licht").

Die beiden letzten Lieder weisen jedoch gleichzeitig - wie gesagt, trotz ihrer Bemühungen, realistisch zu bleiben - Elemente der nächstmöglichen Kategorie auf:

Überhöhte Darstellung (Überkompensation durch besondere Fähigkeiten)

Die Zuschreibung besonderer Fähigkeiten - 7. Sinn u.ä. - bei Behinderten durch die Nichtbehinderten fin det sich auch in Liedertexten wieder. Schon in der Antike wurde blinden Personen Weisheit und sehe rische Fähigkeiten zugesprochen. Nicht-Sehen als Chance, nicht von den visuellen Reizen der Außenwelt geistig abgelenkt zu werden. Dementsprechend findet sich gerade in den relativ vielen Liedern über Blinde, die Aussage, daß das "Schicksal" durch besondere geistige oder seherische (weit blickende) Fähigkeiten ausgeglichen wird. In drei der gefundenen Liedern weisen Blinde den Weg und helfen anderen ihren Lebensmut zu stärken: "Johnny Blue" (Lena Valaitis) hilft mit seiner Musik, die "Blinde Katharina" wird zur führenden Person im "Dunkel des Lebens" ("Katharina, mach mir Mut und halte mich ... ich bin doch der Blinde, darum führe mich, du kannst im Dunkeln sehn/gehn") und im Pudhys Song "Blind geboren" heißt es "Sie fühlt so viel, was keiner weiß ... durch sie merk ich wie schwach ich bin". Der blinde, stumme und taube Pinball Wizard (der Tommy aus der Rockoper) kreiert von der Gruppe "Who" spielt per "Intuition" (keine Ablenkung durch irgendwelche Sinneskanäle!) besser Flipper als jeder andere. Hier wird natürluich ein völlig verzerrtes und realitätsfremdes Bild von behinderten Menschen erfunden. Es scheint nur die zwei Extreme "leistungsunfähig und ein schweres Schicksal tragend" oder "Schicksal meisternd und übernatürlich befähigt" zu geben. Und auch Georg Danzer läßt sich zu dem Vers hinreißen - in der Absicht wohlmöglich etwas Gutes zu erreichen: "Ich frag mich immer wieder, was so vorgeht in Deiner kleinen Stirn,/ und ob da nicht eine Art von Weisheit dahinter steckt, die wir alle nicht kapieren."

Auch hier wird in gewissen (intellektuellen, weisen) Fähigkeiten der Behinderte über den Nicht behinderten gestellt, um ihn/sie besonders positiv darzustellen. Den "stinknormalen" Behinderten gibt es nicht.

Freundschaft / Liebe

Das Hauptthema aller Schlager, Lieder und Songs "Liebe und Freundschaft" findet sich in den hier relevanten Texten eher unterrepräsentiert wieder oder wird nur am Rande erwähnt. Ein Zeichen dafür, daß dies kein Thema in unserer Gesellschaft ist?!

"Sie hatte regelmäßig Nachtdienst / fünf mal in der Woche,/ sie bot sich an auch am Wochenende bei mir Dienst zu tun./ Auf die Frage, warum sie nicht gleich bei mir bliebe, / wich sie aus und entgegnete/ 'Was glaubst du denn, ich bin ja katholisch'" aus: Memory Song, LP Schlaf, Krüppelchen, schlaf; 1981

Am krassesten spiegelt sich dies bei M. M.-Westernhagen wieder, indem er singt: "Dicke ham's auch schrecklich schwer mit Frauen/ Denn Dicke sind nicht angesagt / Drum müssen Dicke auch Karriere machen / Mit Kohle ist man auch als Dicker gefragt.". Da äußerlich Abweichende (somit auch behinderte Menschen) nicht dem Schönheitsideal entsprechen, stehen sie als Partner gar nicht zur De batte, es sei denn es gibt andere Gründe sich mit ihnen einzulassen: Geld. Bei Grönemeyer heißt es "Der Mann ihrer Träume muß ein Baßmann sein". Im Zusammenhang des Gesamttextes (Gehörlose kriegt über Vibrationen Musik mit, s.o.) ist dies zwar einleuch1tend, aber die Partnerauswahl behinderter Menschen limitiert sich hier auf relativ unbedeutende Eigenschaften des Partner. Der "Memory Song" aus der von Behinderten eingespielten LP zum Jahr der Behinderten "Schlaf Krüp pelchen schlaf" macht eindeutig aus Betroffenen-Sicht klar, daß nichtbehinderte oft über eine Freund schaft (in der man/frau wohlmöglich ihr/ sein Helfersyndrom" ausleben kann) sich keine Beziehung vorstellen können. Ähnlich Aussage findet sich im "Behindertenurteil:

"Mit dem Mund so halb offen / stiert mich an wie besoffen / und zwar mit so einer Gier / stiert auf eine Stelle / ich mein, fürs Sexuelle / ist doch so einer überhaupt nicht gebaut so /...;" aus: Behindertenurteil

Im Lied "Blind geboren" (Pudhys) ist zwar eine Liebesbeziehung möglich, aber im besten Schlager- und Boulevardpressestil wird diese Liebe als einzige Freude der blinden Frau beschrieben, die ihr Leben "in Dunkelheit" und "ohne Sonne und Licht fristet".

"Sie lächelt und will kein Mitleid,/ um sie ist nur Dunkelheit / sie hat diese Welt noch nie geseh'n./ Sie sieht auch die sonne nicht,/ für sie ist auf der Welt kein Licht,/ und doch hat sie die Kraft weiterzugeh'n. // Und wenn sie seine Stimme hört, die leise sagt: 'Ich liebe dich', schließt sie die Augen und vergißt/ für einen Augenblick, daß sie blind geboren ist." aus: Pudhys "Ohne Schminke" 1985

Ähnliche Bilder und Meinungen wie hier kurz kategorisiert und dargelegt finden sich in allen weiteren aufgelisteten Liedern. Wie gesagt, lassen sich selbst bei den versuchsweisen an einem positiven Bild orientierten Liedern dennoch immer wieder gängige Klischees aufspüren. Bissig ironisch und mit schwarzen Humor stehen die Liedertexte der selbst Betroffenen oder von nichtbehinderten Sympathisanten gegenüber (LP "Schlaf, Krüppelchen, schlaf"; Lerryn; BAP) dem gegenüber, Diskriminie rungen, Klischees und Vorurteile werden in den Liedern von K. W. Hoffmann, G. Schöne und G. Danzer aufgedeckt und angegriffen (s.o.).

Musikalische Aspekte

Als Nicht-Musikwissenschaftler kann ich nur gefühlsmäßig, den Eindruck wiedergeben, den die Musik oder Melodien bei mir wecken. Für mich zeigt sich, daß fast kein Lied ein negatives Klang-Stimmungs bild hat. Die meisten Songs sind eher lustig beschwingt, teilweise rhythmisch betont und damit gut tanzbar und "Hit-verdächtig" (Blind geboren, Pinnball Wizard, Short People ...). Ob dies Ausdruck des unreflektierten Verfassens von Text und Melodie oder, positiv ausgelegt, Ausdruck eines eben nicht-be drückenden (Schicksals)bild der beschriebenen Behinderung ist, ist schweer auszumachen, zumal wenn man bedenkt, daß sich Pop-Interpreten auch an kommerziellen Erfordernissen der Musik orientieren.

Etwas unkommerzieller oder nachdenklicher wirkt die Musik von "Lisa", "Wellensittich und Spatzen", und "Behindertenurteil". Vor allem "Depperts Kind" hat eine mehr nachdenk lich-melancholisches Klangmuster, was so zwar mit den reflektierenden Gedanken des Texters (Vaters) "harmonisiert", aber beim Zuhörer eben auch gleichermaßen ein bedrückendes Bild über das Befinden eines Elterteil eines behinderten Kindes vermitteln mag (s.o.).

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